Archiv 2008

Das Internet wird lückenlos

Bisher ist es nur eine große Vision und ein kleines Stückchen Wirklichkeit: Wie lange wird es noch dauern, bis wir, egal wo wir uns gerade befinden, überall ein drahtloses Netzwerk auffangen und kostenfrei benutzen können? Neben der reinen Nutzung per Laptop könnten sich plötzlich völlig neue Nutzungsmöglichkeiten ergeben.

Der Anfang ist gemacht: Das Unternehmen Fon vernetzt bereits eine Million Nutzer untereinander, die nun weltweit bereits an vielen Stellen drahtlos ins Internet gehen können. 

Dieses interessante Unternehmens-Beispiel ist vielleicht eines der umstrittensten, die wir je in unserem Querdenk-Magazin veröffentlich haben. Eine grandiose Idee - finden die einen. Illegale Abzocke rufen die anderen. Dennoch: Die Idee ist spannend - und das zeigt auch das Engagement der Unternehmen, die zu den Förderern und Sponsoren von Fon gehören, zum Beispiel Google und ebay (als Inhaber der Firma Skype).

Ich kann mein Glück nicht fassen: Im Ausland sitze ich - mal wieder - mit dem Notebook im Café und bräuchte dringend einen Internetanschluss. Da meldet sich das Icon in der Taskleiste und meldet: Drahtloses Netzwerk in Reichweite. Na klar - kennt man ja: Das Netzwerk ist gesichert und ich... aber nein: Das Netzwerk ist offen! Ich werfe einen verstohlenen Blick um mich und klicke auf "Verbinden". Es öffnet sich die Seite von Fon - und ich erfahre, wie ich für wirklich wenig Geld den Internetanschluss meines offenen WLAN-Spots mitnutzen kann. 

Das Prinzip ist so einfach, das schon längst jemand darauf hätte kommen können:

Mitglieder des Netzwerks von Fon (sogenannte "Foneros") erklären sich bereit, ihren WLAN-Zugang allen anderen Foneros kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Im Gegenzug können sie unterwegs ebenfalls die WLAN-Zugänge anderer Nutzer kostenfrei nutzen. Gib Dein Netz Zuhause - und surfe überall anders kostenlos. Hat jemand kein eigenes WLAN-Netzwerk, das er freigeben könnte, kann er die Zugänge ebenfalls nutzen - und zahlt pro Tag zwischen 3 und 5 Euro. Die Einnahmen teilen sich Fon und derjenige, der den Zugang zur Verfügung gestellt hat.

Die Vision ist, dass sich so in den nächsten Jahren ein weltweit flächendeckendes Netzwerk an offenen WLAN-Zugängen ergibt, so dass man überall surfen kann.

Befindet man sich im Bereich eines offenen Fon-Spots, findet man dieses, sobald man sich die Drahtlosnetzwerke anzeigen lässt.

Alternativ kann man in den Fon Maps seinen Standort eingeben und nach Foneros in der Nachbarschaft suchen.  

So weit, so gut. Der Haken: Die meisten Internet-Provider verbieten es, dass man den eigenen Internet-Zugang anderen Nutzern kostenpflichtig zur Verfügung stellt. Damit soll verhindert werden, dass zum Beispiel in einem Miethaus ein Bewohner den Internet-Anschluss zahlt - und alle Nachbarn teilen sich den Anschluss und die Kosten.

Mit ersten Anbietern hat Fon bereits erfolgreich verhandelt und Sonderkonditionen ausgehandelt - dennoch ist die Situation noch längst nicht einwandfrei geklärt.

Geniale Vision oder einfach nur ein Projekt eines Wahnsinnigen? Die Anlaufkosten sollen bereits 100 Millionen Euro betragen haben, profitabel soll das Projekt ab Ende 2009 sein.

Wer steckt hinter der Idee?

Inhaber von Fon ist der Argentinier Martin Varsavsky. Der Vollblut-Unternehmer hat bereits während seines Studiums ein Unternehmen aufgebaut, das sich mit der Errichtung von Lofts in New York beschäftigte. Aber auch in der Biotech-Branche und auf dem Telekommunikationssektor tummelte er sich: Das auch in Deutschland bekannte Unternehmen Viatel gehörte Varsavsky, bevor er es an die Börse brachte und sich nach und nach aus dem Geschäft zurückzog.

Nicht alles, was er anpackte, lief reibungslos: Mit einem Unternehmen, das geschäftliche Software an Unternehmen vermieten wollte, fuhr er große Verluste ein. Varsavsky verfolgt nicht nur eigene Visionen, sondern engagiert sich auch als Kapitalgeber für andere Ideen - so soll er unter anderem Investor des deutschen Business-Netzwerks Xing sein.

Ob ihn das Projekt Fon zurück auf die Erfolgsspur bringen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Ohne große Visionen wären Unternehmen wie Microsoft, Google oder ebay niemals entstanden. 

So funktioniert das Fon-Prinzip

"Ich wollte keine Firma, sondern eine Bewegung." Fon geht zurück auf eine große Vision: Die Vernetzung von Internetnutzern auf der ganzen Welt, so dass ein flächendeckendes, lückenloses WLAN-Netzwerk entsteht. Viele Unternehmen verstehen eine Vision immer noch falsch: "In 10 Jahren Weltmarktführer in unserer Branche sein" ist keine tragfähige Unternehmens-Vision. Eine Vision beinhaltet immer etwas übergeordnetes von dem eine möglichst große Anzahl Menschen profitiert.

Microsofts Bill Gates könnte die große Vision verfolgt haben, dass irgendwann in jedem Haushalt ein Computer zu finden ist. Dass Microsoft von der Vision profitiert haben dürfte, steht dann außer Frage.

Das Gelingen von Fon ist noch nicht gesichert. Dennoch: Fon verfügt über einen visionären, erfolgreichen Unternehmer, der seine Vision mit aller Kraft zu realisieren versucht. Wenn es mehr von solchen Unternehmen gebe, wäre uns allen geholfen.

Wenn auch Sie vom Fon-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich

  • Was ist Ihre große, übergreifende Unternehmens-Vision?
  • Womit soll Ihr Unternehmen in die Geschichte eingehen? Was wollen Sie den Menschheit schenken?
  • Wie können sie mit Ihrem Unternehmen zu dieser Vision beitragen?