Archiv 2010

Stadtführung für ein Trinkgeld

Stadtführungen sind interessant für Touristen und werden in großen Städten gerne in Anspruch genommen. Wie kann man sich aber von den anderen Anbietern abheben? Und wie kann man diejenigen ansprechen,die aus Kostengründen die Stadt lieber auf eigene Faust erkunden möchten? Indem man die Stadtführungen gratis anbietet!Chris Sandeman, Erbe des bekannten Sandeman-Sherry-Imperiums, hatte 2004 diese clevere Idee und bietet nach der Einführung in Berlin seine Führungen inzwischen in 12 Großstädten an. Und wie soll sich das rechnen? Durch kostenpflichtige Zusatzangebote, für die man bei den Gratis-Führungen sehr gut Werbung machen kann!

Chris Sandeman ist 29 und der jüngste Sohn der berühmten Sherry-Dynastie. Sein Urahne, ein Schotte namens George Sandeman, hat die Firma 1790 gegründet. Sandeman, das ist der Sherry mit dem berühmten Don auf der Flasche. Er trägt einen Caballero-Hut und einen Umhang und ein Gläschen in der Hand. Dieser Don ist das Markenzeichen der Firma, 1928 brannten es die Sandemänner zum ersten Mal mit heißen Eisen auf ihre Eichenfässer. Und prägten damit einen Schlüsselbegriff der Werbewirtschaft - "to brand" bedeutet, ein Produkt als Marke zu etablieren.

Mit Marketing kennt sich auch Chris Sandeman aus. Nur handelt er nicht mit Likörwein, sondern mit Eindrücken. Nach einem Psychologie-Studium an der amerikanischen Eliteuniversität Yale machte sich Chris Sandeman 2004 als Stadtführer selbstständig und gründete die Firma "Sandeman's New Berlin".

Als erster Reiseunternehmer bot er Stadttouren zum Nulltarif an. "Free Tour" steht auf den roten Pappschildern, die seine Stadtführer jeden Mittag um eins vor dem Brandenburger Tor in die Luft halten. Ebenso wie die kostenlosen Infoblättchen mit Tipps für Touristen, die er in amerikanischen Fastfood-Ketten auslegen lässt, sind die "Free Tours" geschickte Werbung für seine anderen, kostenpflichtigen Produkte. Beinahe jeder zweite Teilnehmer der "Free Tours" bucht anschließend noch eine von Sandemans Thema-Führungen: Es gibt eine Tour ins ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen, eine "Third-Reich-Tour" und eine "Red-Berlin-Tour", auf den Spuren von Honecker & Co.

Ein halbes Jahr nach seiner ersten englischsprachigen Touristenführung, die am 1. April 2004 stattfand, war er in seinem Segment schon Marktführer. Die Free-Tours kosten zwar nichts, aber Trinkgeld darf natürlich gegeben werden. Und es wird darauf hingewiesen, dass 10 Euro Trinkgeld pro Person angemessen wären. Am Ende der Tour kann jeder Teilnehmer entscheiden, ob ihm die Tour gefallen hat und er Trinkgeld geben möchte. So verdienen die Touristen-Guides ihr Geld.

Das Konzept funktioniert so gut, dass er es auch in andere Städte exportiert hat. Aus "Sandeman's New Berlin" wurde "Sandeman's New Europe". Sandeman generiert mehrere Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Mittlerweile expandiert er europaweit und bietet die Free Tours auch in Amsterdam, Berlin, Hamburg, Prag, Edinburgh, Jerusalem, London, München, Madrid, Dublin, Paris und Potsdam an.

So funktioniert das Free-Tours-Prinzip

Chris Sandeman bietet seine Stadtführungen gratis bzw. gegen ein freiwilliges Trinkgeld an. Seine Führungen werden vor allem von Touristen genutzt, die wegen der hohen Preise eher nicht an Stadtführungen teilnehmen und die Stadt auf eigene Faust erkunden würden.
Chris Sandeman hat so eine großartige Gelegenheit, sich von der Konkurrenz abzuheben und bei diesen Veranstaltungen Werbung für seine kostenpflichtigen Thema-Angebote zu machen, die immerhin von fast jedem zweiten in Anspruch genommen werden. So macht er aus Nicht-Kunden Kunden!

Wenn auch Sie vom Free-Tours-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich:

  • Kann ich Teile meiner Dienstleistungen gratis anbieten und damit Werbung für meine kostenpflichtigen Angebote machen?
  • Kann ich die Zahlung für meine Produkte oder Dienstleistungen von der Zufriedenheit meiner Kunden abhängig machen?