Archiv 2010

Local Motors – Auto 2.0

Ein Autohersteller macht alles ganz anders als die anderen und lässt Design, Marktforschung und Konstruktion komplett von einer Internetcommunity erledigen. Er braucht keine riesigen Fabriken, keine Heerscharen von Ingenieuren und Autodesignern, kein großes Vertriebs- und Händlernetz. Local Motors ist der wohl erste Web 2.0-Autohersteller.

Autoindustrie und Internet – das ist eine ganz neue Kooperationsform. Der amerikanische Garagenbastler und Visionär Jay Rogers wendet die Prinzipien des Internets auf die Autoproduktion an, und das tut er so umfassend wie vermutlich sonst niemand auf der Welt. Während sich Manager anderer Branchen den Kopf darüber zerbrechen, wie sie offene Schnittstellen, soziale Netzwerke oder User-Feedback für ihr Geschäft nutzen können, arbeitet die Pkw-Branche im Wesentlichen noch genauso wie vor 20 Jahren – ohne Internet natürlich.

Jay Rogers ist PS-Freak, das liegt in der Familie: Sein Großvater gründete 1901 Amerikas erste Motorradfirma Indian. Rogers war Captain bei den Marines, hat in Harvard studiert und bei McKinsey gearbeitet. Er ist Vorstandschef des Start-ups Local Motors (LM). Die US-Firma möchte Autos bauen, was normalerweise als schwieriges, kapitalintensives Unterfangen gilt. Dazu braucht man Fabriken, Ingenieure, Autodesigner, und natürlich ein riesiges Vertriebs- und Händlernetz. Jay Rogers aber sagt: "Das braucht man alles nicht mehr." Local Motors wurde 2008 gegründet und betreibt eine Web-Community. Diese führt regelmäßig Designwettbewerbe durch, bei denen es Geldpreise zu gewinnen gibt. Über 60.000 Autoskizzen sind inzwischen online. Local Motors betreibt außerdem Foren für Technik und Produktion. Mehr als 6400 Menschen sind inzwischen Mitglieder des PS-Netzwerks. Darunter viele Mechaniker und Industriedesigner.

2008 stellte der kalifornische Designer Sangho Kim einen Entwurf online, der wie eine Kreuzung aus BMW X6 und Bigfoot-Truck aussah. Die Community war begeistert. Sie wählte Kims Vehikel zum coolsten Autodesign auf der Seite. Damit war entschieden, welches Auto als erstes gebaut wird. Alle bei LM veröffentlichten Designs lassen sich online weiterbearbeiten. Schon nach wenigen Tagen war Kims Entwurf optimiert und weiterentwickelt. Produktionsspezialisten wiesen auf Details hin, die in der Fertigung Probleme bereiten könnten. Fahrzeugingenieure entwarfen das komplette Chassis.
Anders als bei herkömmlichen Autofirmen geschieht alles öffentlich. Dadurch haben die Mitglieder die Möglichkeit, früh eine Bindung zu ihrem Traumauto aufzubauen. Designschritte, Prototypen, Testfahrten - alles wird auf der LM-Seite und auf YouTube dokumentiert. Knapp zwei Jahre nach Kims erstem Posting ist der Prototyp des „Rally Fighter“ fertig. Bei großen Herstellern dauert so etwas fünf bis sieben Jahre.

Die Autoindustrie ist nämlich ein bisschen „Open Source“, was ihre Fertigung angeht. Jeder kann von Zulieferern hergestellte Motoren, Antriebswellen oder Bremssysteme auf dem freien Markt erwerben, die passen im Prinzip zusammen. Selber bauen wäre für LM zu teuer. In einer kleinen Fabrikhalle in Massachusetts bauen zehn Mitarbeiter die Autos dann zusammen.
Es gibt derzeit hundert Vorbestellungen, der erste Rally Fighter wird im November ausgeliefert. Ab 500 Autos lohnt sich die Sache. Der Kunde kann nichts konfigurieren, auch das reduziert die Kosten. "Es gibt das Produkt nur in einer Ausführung. Da sind wir nicht wie Porsche, sondern eher wie Apple."

So funktioniert das Local-Motors-Prinzip

Local Motors nutzt das Web zur Unterstützung bei Konstruktion und Design seiner Autos.
Die Mitglieder der PS-Community entwickeln eine hohe Bindung an die Modelle, weil sie sie selbst mit entworfen haben Statt teure eigene Teile herstellen zu lassen, werden Motoren, Antriebswellen oder Bremssysteme auf dem freien Markt gekauft. Das und die Reduzierung auf Modelle ohne Konfigurationsmöglichkeit senkt erheblich die Kosten.

Wenn auch Sie vom Local-Motors-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich

  • Habe ich die Möglichkeit, meine Kunden an der Konstruktion und am Design meiner Produkte teilnehmen zu lassen?
  • Wie kann ich eine Internet-Community aufbauen und damit eine hohe Kundenbindung erreichen?
  • Kann ich aus üblichen Standardteilen ganz neue und innovative Modelle zusammenbauen?