Archiv 2009
Ein toter Pharao belebt die Ausstellungskultur
Wie hoch ist die Begeisterung normalerweise, wenn es am Wochenende ins Museum gehen soll?Bilder an den Wänden hinter Panzerglas, Gegenstände in Vitrinen - „Bitte nicht Berühren!“ Der Erlebnis- und Spaßfaktor ist hier doch eher gering, dementsprechend begibt sich der weniger Kulturinteressierte eher selten ins Museum. Aber Ausstellungsstücke zum Anfassen und Erleben können auch Besucher in eine Ausstellung locken, die normalerweise keine Museumsgänger sind. Das beweist der große Erfolg der Tutanchamun-Ausstellung, die ihren Besuchern die Entdeckung von Tutanchamuns Grab nachempfinden lässt.
Das ist mal eine wirklich gute und neue Idee, wie man eine erfolgreiche Ausstellung gestalten kann: Man lässt den Besucher den Moment des Entdeckens der Fundstücke nacherleben, macht ihn sozusagen selber zum Entdecker.
Was sah Howard Carter im Schein der flackernden Kerze, als er diese, am 26. November 1922, durch die erste von ihm aufgemeißelte Öffnung des versiegelten Grabes des ägyptischen Pharaos Tutanchamun schob? "Wunderbare Dinge...!", antwortete der Archäologe damals ergriffen seinen Begleitern auf deren Fragen. Die Grabschätze Tutanchamuns sind seither weltweit bekannt.
Die Aufsehen erregende Ausstellung „Tutanchamun – „Sein Grab und die Schätze“ zeigt die weltweit einzigartige Originalnachbildung des faszinierendsten Grabmals der Menschheit und seiner Schätze in musealer Qualität. Der maßstabsgetreue Nachbau präsentiert den Grabschatz des legendären Pharao so, wie ihn der Entdecker Howard Carter im November 1922 vorgefunden hat. Erstmals nach 87 Jahren bietet die Ausstellung die Gelegenheit, das Grab dreidimensional in seiner originalen Fundsituation zu besichtigen – die kostbaren Grabbeigaben aufwendig bis ins Detail getreu repliziert und in ihrer Vollständigkeit weltweit einmalig.
Aber warum soll man in eine Ausstellung voller Repliken gehen, wo doch die Originale im Ägyptischen Museum in Kairo oder in Ausstellungen in Europa zu bewundern sind? Es sind das Entdecker-Erlebnis und das Begreifen der Dimensionen, die die Ausstellung von einer Glasvitrinen-Präsentation in einem Museum unterscheiden.
"Wir wollen eine Geschichte erzählen, die auch Nichtmuseumsgänger anlockt", sagt Produzent und Veranstalter Dieter Semmelmann (Semmel Concerts)."Unser Anspruch ist es, ein faszinierendes Thema so aufzubereiten, wie es heute modern ist." Dazu gehört, dass die meisten Gegenstände angefasst werden dürfen und es einen Audio-Guide auch für Kinder gibt. Und auch wenn Kritiker schnell mit dem Wort "Disneyland" bei der Hand sind, bescheinigen Experten wie der Ägyptologe Martin von Falck den Repliken eine "hervorragende Qualität".
In Hamburg fing alles an. Hier ließ sich der Unternehmer Paul Heinen, bis dahin im Kino- und Gastronomiewesen umtriebig, von der Idee des deutschen Emigranten Wulf Kohl anstecken. Der Grafikdesigner lebt seit Jahrzehnten in Kairo, brachte unter anderem die Gelben Seiten für Ägypten heraus, und war schon lange fest davon überzeugt, dass sich die Reproduktion des Grabschatzes für eine große Ausstellung eignen würde. " Zusammen fanden sie Investoren und den Veranstalter Dieter Semmel.
Das erwartet den Besucher: Den Anfang macht ein zehnminütiger Film, der zurückführt in die Jugend Carters und der mit nachgestellten Szenen und Originalaufnahmen den Eindruck vermittelt, dass man an der Seite des Autodidakten die Entdeckung des Grabes begleitet. Auf dem Spannungshöhepunkt, als Carter das 3300 Jahre alte Grab öffnet und einen ersten Blick hineinwirft, endet der Film - und die Besucher werden in das nachgebaute Grab entlassen. Die voll gestellte Vorkammer mit goldenen Betten, Vorratsgefäßen und den beiden die Sargkammer bewachenden Wächterstatuen lässt einen ähnlich innehalten wie Carter damals. Um die Dimension der sich anschließenden Sargkammer besser zu begreifen, sind die eigentlich ineinander verschachtelten vier goldenen Schreine auf zwölf Metern nacheinander aufgebaut. Ein atemberaubender Anblick. Schließlich geben die Särge und auch die kunstvollen Statuen, Truhen, Modellschiffe und Schmuckgegenstände aus der Schatzkammer einen eindrucksvollen Überblick über die damalige Zeit, als Tutanchamun als König der 18. Dynastie von 1332-1323 v. Chr. regierte (und nur18-jährig starb).
Seit ihrer Eröffnung im März 2008 in Zürich genießt die Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ auch in Fachkreisen große Akzeptanz. Prof. Dr. Antonio Loprieno, Ägyptologe und Rektor der Universität Basel, zeigt sich nach seinem Ausstellungsbesuch in der „NZZ am Sonntag“ beeindruckt: „Ich habe den Eindruck, das diese Ausstellung so etwas ist wie ein Befreiungsschlag.“ Loprieno beschreibt Paradigmenwechsel: „Meines Erachtens hat in Zürich bezüglich des Ausstellungskonzepts ein ganz wichtiger Paradigmenwechsel stattgefunden, den man verkürzt als Wechsel von der Präsentation zur Repräsentation, von Erkenntnis zu Erfahrung bezeichnen kann. Die traditionelle Präsentation zeigt die Objekte immer in einer falschen Umgebung – in einer Vitrine; das Objekt steht dabei im Zentrum. (…) Zürich will etwas ganz anderes, es will etwas repräsentieren und eine Erfahrung ermöglichen, Emotionen wecken.“
Nach Zürich war die zweite Station der Ausstellung München, ab Oktober 2009 wird sie in Hamburg gezeigt.
So funktioniert das Tutanchamun-Prinzip
Traditionelle Ausstellungen zeigen die Objekte immer in einer falschen Umgebung – in einer Vitrine; hinter Glas. Die Tutanchamun-Ausstellung will etwas ganz anderes, hier werden die Objekte erlebbar gemacht, es ist eine Ausstellung „zum Anfassen“, die bei den Besuchern Emotionen weckt.
Hier werden auch Nichtmuseumsgänger (also „Nicht-Kunden“) angelockt und begeistert!
Wenn auch Sie vom Tutanchamun-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich
- Kann ich dem Kunden meine Produkte durch eine andere Form der Präsentation besser näher bringen?
- Gibt es eine Präsentationsform, die sich sozusagen aus meinem Produkt ergibt?
- Wie kann ich meinen Kunden ein besonderes Erlebnisgefühl verschaffen?
- Wie kann ich bei meinen Kunden Emotionen wecken?

