Archiv 2007
Germanwings - Eine Idee hebt ab
Germanwings ist einer von verschiedenen Günstig-Fliegern, die die Flugbranche revolutioniert und geschafft haben, wovon andere Unternehmen träumen: Sie haben nicht nur den etablierten Fluggesellschaften Kunden abspenstig gemacht, sondern Kundengruppen erobert, die vorher gar nicht geflogen sind. Damit haben sie geschafft, was viele Marketing-Experten allgemein als unmöglich betrachten: Sie haben gänzlich neue Märkte geschaffen. Wer jedoch denkt, dass das Geschäftskonzept der Günstig-Airlines allein auf sehr niedrigen Preisen basiert, täuscht sich. Vielmehr haben sie es geschafft, das konventionelle Geschäftskonzept von Fluggesellschaften zu überdenken und neu zu ordnen.
Betrachtet man die Schlüsselfaktoren der Branche Passagier-Luftfahrt, fällt auf, dass Germanwings und konventionelle Fluggesellschaften völlig andere Schwerpunkte setzen.
Die Grundüberlegung ist die, das jemand, der fliegt, in erster Linie schnell von einem Punkt zum anderen kommen möchte. Dabei vergleicht er nicht nur die Fluggesellschaften untereinander, sondern prüft auch alternative Konzepte wie die Bahn und das Auto.
Gerade auf Kurzstrecken-Flügen lohnen sich Flüge zeitlich nicht, bei denen man mehrfach umsteigen muss – wie bei traditionellen Fluglinien oft nötig, da diese mit Drehkreuzen arbeiten und weniger Direktflüge auch zu kleinen Flughäfen anbieten.
Germanwings legt größten Wert auf die Zuverlässigkeit: In 2006 fanden 99,9% aller angebotenen Flüge auch wirklich statt – die Pünktlichkeitsrate betrug nach eigenen Angaben 90%.
Bei den Sicherheitsstandards legt Germanwings die gleichen Maßstäbe an wie die Lufthansa: Die Maschinen werden gewartet wie Lufthansa-Maschinen, das Personal absolviert das gleiche Sicherheitstraining.
Außerdem setzt Germanwings voraus, dass viele Menschen bereit sind, auf einigen Komfort zu verzichten, wenn sie dafür günstiger reisen. Alles, was unnötig Geld kostet, wurde daher abgeschafft: Lounges, First und Business Class, Essen und Zeitschriften an Bord, Service-Büros und Sitzplatzvergabe, Ticketversand etc. Gebucht wird nur über Internet oder über eine kostenpflichtige Servicenummer. Umbuchungen sind zwar theoretisch möglich, sind jedoch oft so teuer, dass viele die Flüge lieber verfallen lassen als die hohe Umbuchungs-Gebühr zu zahlen.
Die Beinfreiheit in den Flugzeugen wurde zugunsten größerer Kapazitäten so weit wie möglich eingeschränkt, ebenso wie lange Standzeiten der Flugzeuge an den Flughäfen.
Aber auch das Vertriebskonzept ist neuartig: Unter www.germanwings.de finden Kunden ein Portal mit Vergünstigungen bei Kooperationspartnern, Foren und Reiseberichten, Stadtführern und mehr.
Vor allem aber dient die Webseite zur Flug- und Reisebuchung: Der Kunde kann selber sehen, welche Flüge noch verfügbar sind und wie hoch die Preise sind. Reisebüros erhalten bei den Günstig-Fliegern meistens keine branchenüblichen Provisionen.
Mit diesem Vertriebssystem genießen die Kunden den Vorteil, vollkommen flexibel zu sein – und sparen der Airline Geld.
Mit den Günstig-Fluglinien schlug auch die Stunde für einige Regional-Flughäfen, die Germanwings und Co. günstige Konditionen boten und damit zu bevorzugten Heimat-Standorten wurden.
So funktioniert das Germanwings-Prinzip
Am Beispiel Germanwings wird auch von außen betrachtet deutlich, dass die Fokussierung des Unternehmens sich stark von der anderer Fluggesellschaften unterscheidet. Die eingefügte Grafik zeigt den unterschiedlichen Fokus, den etablierte Airlines und Germanwings setzen:
Daraus wird deutlich, dass Germanwings den klassischen Weg gegangen ist, um eine echte Nutzeninnovation (auch bekannt als „Blaue-Ozean-Strategie“) umzusetzen: Sie haben wesentliche Faktoren ihrer Branche reduziert (beispielsweise Verpflegung an Bord) oder sogar eliminiert (Lounges, Platzwahl, Sitzkategorien) und dafür andere Faktoren stark über das branchenübliche Maß gesteigert (wie kurze Standzeiten und hohe Pünktlichkeit) oder gar neu kreiert (Internetportal als Haupt-Vertriebsweg).
Wenn Sie auch vom Germanwings-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich:
- Welche branchentypischen Faktoren können Sie reduzieren?
- Welche branchentypischen Faktoren können Sie eliminieren?
- Welche branchentypischen Faktoren können Sie stark steigern?
- Welche neuen Faktoren können Sie erfinden?

